Maskenknappheit in der deutschen Coronakrise

Mundnasenschutzmaske

 

Von Robert Seitz  und Lara Schober 

mit einer Stellungnahme von Andreas Wedeking

 

 

 

Auf einen Blick

Am 4. Februar wurde es in den Medien Taiwans öffentlich verkündet: Zum Schutz vor dem Coronavirus kann jeder Taiwaner künftig wöchentlich zwei Atemmasken kaufen - zu einem festen Preis, in ausgewählten Apotheken und an festgelegten Tagen. Der Versand per Post wird ebenso wie der Export untersagt. Gleich zu Beginn wurde außerdem die inländische Produktion hochgefahren. Knapp dreißig Unternehmen und drei staatliche Forschungsinstitute schlossen sich zusammen, sodass statt damals zwei Millionen heute dreizehn Millionen Masken pro Tag in Taiwan produziert werden. Dies alles geschah schon vor drei Monaten, obwohl es damals nicht mehr als zehn bestätigte Corona-Fälle gab. Freilich: In asiatischen Ländern wie Taiwan ist das Tragen von Gesichtsmasken nicht unüblich. Dort gelten solche Maßnahmen zum Schutz vor Viren generell als effektiv. Während in Ländern wie Deutschland Corona trotz erster Erkrankungen kaum ein Thema war, stellte sich Taiwan früh und entschlossen auf die Epidemie ein. Die Folgen sind heute messbar: nur 422 Fälle und 6 Todesfälle bei 24 Millionen Einwohnern - trotz großer Nähe zu China und einer extrem hohen Bevölkerungsdichte. Man hat die Lage weiterhin im Griff und kann inzwischen sogar anderen Ländern helfen: Eine Million Masken kamen am Gründonnerstag in Deutschland an. Anders als in Taiwan funktionierte in Deutschland die rationierte und reglementierte Bereitstellung von Schutzmaterial nicht. Die Folge: Auch in vielen Pflegeeinrichtungen gab es viel zu wenig Schutzmaterial. Vor allem medizinische Masken zum Schutz des Pflegepersonals waren Mangelware - und bleiben es wohl auch noch lange Zeit. Schwierig ist die Sicherung der Qualität von medizinischem Schutzmaterial wie FFP2-Masken, die fast ausschließlich aus China bezogen werden. Diese Abhängigkeit ist aus ordnungs- und wirtschaftspolitischer Sicht fragwürdig. Wir plädieren für den Aufbau einer inländischen oder europäischen Produktion. Dieses Plädoyer folgt der Verantwortung gegenüber den Beschäftigten im deutschen Gesundheits- und Pflegesystem ebenso wie gegenüber den vulnerablen Bevölkerungsgruppen: den Senioren und den Personen mit Vorerkrankungen.

 

Massen von Masken benötigt - Qualität gesichert?

"Elf Millionen Masken gesichtet, alle Schrott". Hinter dem Titel einer Spiegel-Story  (24.04.2020) steht das Zitat des Geschäftsführers einer Firma aus dem niederbayerischen Passau. Die Lieferung von Millionen hochwertigen medizinischen Schutzmasken vom Typ FFP2 aus China scheiterte am Qualitätscheck des deutschen Unternehmens. Wenn man auch nur "a bisserl in Lieferverzug reingekommen" sein mag und viele Masken bald in geprüfter Qualität ankamen: Das Beispiel zeigt, dass die weltweite Maskenknappheit auch zu einem Qualitätsproblem führen kann. Befürchtete Qualitätsmängel bei FFP2-Masken, "da ein falsches CE-Zertifikat vorlag", zwangen auch die Berliner Charité zu einer Rückrufaktion von Schutzmasken (Der Tagesspiegel, 04.05.2020).

Länder wie Deutschland stehen vor einem Dilemma: Zur Eindämmung des Coronavirus setzen sie auf die Maskenpflicht. Doch es gibt zu wenige Masken, vor allem der Bedarf an medizinischen FFP2- und FFP3-Masken kann bei weitem nicht gedeckt werden. Das ist besonders gefährlich, da sie zum Schutz des Gesundheits- und Pflegepersonals dringend erforderlich sind. Auch aus China, von wo aus normalerweise 90% des Markts bedient werden, sind die medizinischen Masken inzwischen schwer zu bekommen. Immer häufiger treten dubiose Anbieter auf den Plan. So weiß man sich nicht anders zu helfen als die breite Bevölkerung zu ermutigen, sich mit selbst genähten Masken zu versorgen. Kann Deutschland den Weg aus der Coronakrise schaffen? Wie könnte man es besser machen? Um die Antwort auf diese Frage ringen viele Länder. Es lohnt sich ein Blick auf die Insel Taiwan, 150 Kilometer von der Volksrepublik China entfernt.

 

Erfahrung Taiwans aus SARS: "Wir haben uns wie Waisen gefühlt."

Was das Coronavirus 2020 für Deutschland auslöst, musste Taiwan bereits im Jahr 2003 überstehen. Damals hieß das Virus SARS, und es kostete knapp zweihundert Menschen das Leben. "Wir haben uns wie Waisen gefühlt", so wird ein Forscher des taiwanischen Forschungsinstituts schon 2007 im Deutschen Ärzteblatt zitiert (104/23:A-1646). Als sich Corona Ende 2019 ankündigte, reagierte Taiwan dagegen schnell und entschlossen. Unmittelbar nach Bekanntwerden der allerersten Fälle am 31. Dezember 2019 setzte Taiwan besondere Gesundheitskontrollen für alle aus Wuhan einreisenden Personen um. Damit starteten die Vorbereitungen auf einen potentiellen Ausbruch - lange bevor am 21. Januar der erste Fall in Taiwan gemeldet wurde. Um eine langfristige Versorgung mit Atemschutzmasken sicherzustellen, wurde der Verkauf ab Anfang Februar rationiert und reglementiert. Anders als in Deutschland war und ist es in Taiwan unvorstellbar, dass Masken selbst gebastelt werden.

Ab dem 4. Februar konnte jeder Taiwaner wöchentlich zwei Gesichtsmasken kaufen. Der Preis war festgelegt. Die Ausgabe erfolgte für diese Masken nur in ausgewählten Apotheken und an festen Wochentagen, die anhand der Krankenversicherungsnummer bestimmt wurden. Der Versand per Post wurde untersagt. Auch der Export der Masken wurde verboten. Absolute Priorität hatte die Versorgung der Bevölkerung Taiwans. Dies sind zweifellos radikale Maßnahmen, doch die Rationierung stellte eine ausreichende und gerechte Versorgung mit Schutzmasken sicher. Gleich zu Beginn wurde außerdem die inländische Produktion hochgefahren. Dazu schlossen sich 29 Unternehmen und drei staatliche Forschungsinstitute zu einem "Masken-Nationalteam" zusammen. So konnte die tägliche Produktion von damals 1,88 Millionen auf dreizehn Millionen Masken erhöht werden. Diese Entscheidungen wurden getroffen, obwohl es damals in Taiwan nicht mehr als zehn bestätigte Corona-Fälle gab. Freilich: In asiatischen Ländern wie Taiwan war das Tragen von Gesichtsmasken schon vor der Coronakrise nicht unüblich. Aufgrund der kulturellen Verankerung bedurfte es zunächst auch keiner Maskenpflicht, und bis heute wurde sie auch nur in Bussen und Bahnen eingeführt. Während in Ländern wie Deutschland Corona trotz erster Erkrankungen kaum ein Thema war, stellte sich Taiwan früh und entschlossen auf die Epidemie ein. Die Folgen sind heute messbar: nur 422 Fälle und 6 Todesfälle bei 24 Millionen Einwohnern - trotz großer Nähe zu China und einer extrem hohen Bevölkerungsdichte. Man hat die Lage weiterhin im Griff und kann inzwischen sogar anderen Ländern helfen: Eine Million Masken kamen am Gründonnerstag in Deutschland an.

 

Die Situation in Deutschland nach Einführung der Maskenpflicht

In Deutschland funktionierte die Bereitstellung von Schutzmaterial anfangs nur selten. Die Folge: In vielen Pflegeeinrichtungen gab es viel zu wenig Schutzmaterial, vor allem zu wenig medizinische Masken zum Schutz des Personals. Nach der deutschlandweiten Einführung der Maskenpflicht braucht es gute Regeln, um Vorratskäufe zu vermeiden und vor allem die Versorgung Bedürftiger sicherzustellen. Noch immer fehlen in Deutschland allgemeine und öffentlich zugängliche Kriterien für Art und Menge, nach denen das Schutzmaterial zentral zur Verfügung gestellt wird. Anders ist es in Taiwan, wo per App bestellt und im Internet aktuelle Informationen über Verkaufsstellen und Vorräte sichtbar sind. Kann Deutschland ähnlich wie Taiwan auf inländische Produktion von Schutzmaterial setzen? In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung (08.04.2020) ist ein Vermerk des Corona-Kabinetts mit Kanzlerin Merkel zitiert, dem zufolge der Aufbau eines Maschinenparks für hochwertige medizinische Schutzmasken drei bis vier Monate Zeit in Anspruch nimmt. Deutschland setzt deshalb aktuell vor allem auf China und kauft, einem Bericht der Tagesschau (07.04.2020) zufolge, nach persönlichen Verhandlungen der Kanzlerin Merkel mit Chinas Staatspräsident Xi nun direkt bei staatlichen chinesischen Herstellern ein.

 

Ein Plädoyer für eine aktive Industriepolitik Deutschlands

Taiwan hat den Aufbau der inländischen Produktion in einer unglaublichen Geschwindigkeit ausgebaut: Anfang Februar rief die Vereinigung der taiwanischen Maschinenbauer ihre Mitglieder dazu auf, freiwillig zu helfen. Nach 25 Tagen standen 60 neue Produktionslinien (Neue Züricher Zeitung, 06.04.2020). Wirtschaftsminister Shen gab zudem an, dass der Vorrat an Vliesstoff ausreichend sei, um die Tagesproduktion auf 20 Millionen Gesichtsmasken zu erhöhen. Gleichzeitig betonte er, dass der Aufwand zur Produktion der hochwertigen medizinischen Masken (N 95; entspricht im Wesentlichen FFP2) hinsichtlich des benötigten Rohmaterials viermal so hoch ist wie für gewöhnliche Gesichtsmasken. Er versprach, dass die Regierung die Produktion der hochwertigen Masken hochfahren würde, falls sich die Corona-Situation verschlimmert (Taiwan News, 06.04.2020). Ein solches Vorgehen findet sich in Deutschland bislang nicht. Hier sollen zwar Fördergelder in Höhe von 40 Millionen Euro für die inländische Produktion von Masken bereitgestellt werden. Doch die Herstellung hochwertiger medizinischer Schutzmasken bedarf nach Aussage des Herstellers Markus Mailinger aus Hessen hoher Investitionen.

Die Maximalförderung von 10 Millionen Euro je Unternehmen wird daher nicht ausreichen, um dieses unternehmerische Risiko einzugehen (Süddeutsche Zeitung, 08.04.2020). Es gibt inzwischen viele große (z.B. BASF, BMW und VW) und kleinere deutsche Unternehmen, die in kurzer Zeit eine große Menge an Schutzmasken herstellen können. Doch die Produktion medizinischer FFP-Masken ist komplexer und mit hohen Fixkosten verbunden. Deshalb dürfte hier der Wettbewerb trotz der versprochenen Subventionen nicht dazu in der Lage sein, die erforderliche Menge bereit zu stellen. Um eine ausreichende Versorgung zu ermöglichen, muss der deutsche Staat eine aktivere Rolle einnehmen. Eine Option ist der verstärkte Import von Schutzmaterial - auch aus anderen Ländern als China. Doch am sichersten ist der Aufbau der eigenen Produktion. Deutschland sollte deshalb den Aufbau einer inländischen Produktionsstruktur für qualitativ hochwertige FFP-Masken mit starker staatlicher Beteiligung und intensiver wissenschaftlicher Begleitung prüfen. Dies wird nicht wie in Taiwan innerhalb eines Monats möglich sein. Doch es fehlt bislang in Deutschland schon der politische Wille, diesen Weg zu gehen. Deutschland müsste diesen Weg nicht alleine beschreiten. Möglich sind auch Joint Ventures mit anderen - insbesondere europäischen - Ländern zum Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur. Damit könnte sich Deutschland aus der kompletten Abhängigkeit von China lösen. Diese Abhängigkeit kann ordnungspolitisch und ökonomisch fatale Folgen haben.

 

Ermutigender Blick nach Taiwan: Schutz vor Corona ohne Lockdown

Vielleicht hilft zur Bewältigung der Coronakrise das Beispiel Taiwan: Nur 150 Kilometer vom Epizentrum des Virus entfernt und ohne direkten Zugang zur WHO, schienen die Sterne für die dicht bevölkerte Insel äußerst schlecht zu stehen. Doch nicht nur die Bereitstellung von Schutzmaterial wurde gemeistert. Zu keinem Zeitpunkt mussten Geschäfte geschlossen und die breite Bevölkerung gezwungen werden, zuhause zu bleiben. So ist die Wirtschaft ebenso lebendig wie das Treiben auf den beliebten Nachtmärkten. Die Menschen können sich auf ihre Regierung und das Gesundheitssystem verlassen. Und so bleiben die Massen diszipliniert, vorsichtig - und gesund.



Stellungnahme von Andreas Wedeking, Geschäftsführer VKAD

Auf der internationalen Geberkonferenz zum Kampf gegen das Coronavirus, initiiert durch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, wurden 7,4 Milliarden Euro für die Entwicklung eines Impfstoffes gesammelt. Eine absolut lobenswerte Initiative zur Gesunderhaltung der Menschheit, wenngleich sich die USA und China nicht beteiligt haben. Der Weg bis zum flächendeckenden Einsatz des Impfstoffes ist noch lang.  Parallel sollte dazu jedoch auch über europäische Wege eigener Produktion notwendiger medizinischer Schutzmaterialien nachgedacht werden, auf die wir noch weiterhin angewiesen sein werden. Denn das Virus wird uns noch einige Zeit begleiten. Die Schlussfolgerung für Deutschland: Hochwertiges und qualitätsgesichertes Schutzmaterial muss sicher und kurzfristig lieferbar sein. Es ist daher gefährlich sich nur auf einen Weg zum Ziel zu begeben: den Import von Material aus einem einzigen Land. Sicheres medizinisches Schutzmaterial wird die arbeitende Bevölkerung in vielen Kontaktbereichen schützen und ein schnelles Ausbreiten des Virus während und nach ersten Lockerungen verhindern. Darum sollte über den Aufbau notwendiger Produktionslinien in Deutschland nachgedacht werden. Eine gute Möglichkeit wäre es, hier die Initiativen der beruflichen Integration bzw. Förderwerkstätten zur Teilhabe am Arbeitsleben in die Produktion einzubinden.  Produzenten für das dazu benötigte spezielle Meltblown Vlies gibt es schon. Bei dem Aufbau einer einzigen (!) eigenen Produktionslinie könnten jede Woche sogar 50 bis 70 Millionen FFP2- und FFP3-Masken im eigenen Land produziert werden. Die aktuellen Förderrichtlinien verhindern jedoch aktuell eine Bereitschaft der Industrie genau in diesen Zweig zu investieren. Man darf hier fragen, warum nicht die naheliegende Lösung im eigenen Land genutzt werden will, zumal im Infektionsschutzgesetz § 5, Nr. 4 Buchstabe f und g alles geregelt ist:

"Das Bundesministerium für Gesundheit wird im Rahmen der epidemischen Lage von nationaler Tragweite unbeschadet der Befugnisse der Länder ermächtigt,… durch Rechtsverordnung ohne Zustimmung des Bundesrates Maßnahmen zur Sicherstellung der Versorgung mit Arzneimitteln einschließlich Betäubungsmitteln, der Wirk-, Ausgangs- und Hilfsstoffe dafür, mit Medizinprodukten, Labordiagnostik, Hilfsmitteln, sowie mit Gegenständen der persönlichen Schutzausrüstung und Produkten zur Desinfektion zu treffen und insbesondere…Regelungen zur Abgabe, Preisbildung, Erstattung sowie Vergütung vorzusehen…Maßnahmen zur Aufrechterhaltung, Umstellung, Eröffnung oder Schließung von Produktionsstätten oder einzelnen Betriebsstätten von Unternehmen, die solche Produkte produzieren sowie Regelungen über eine angemessene Entschädigung hierfür vorzusehen".

Mögliche Überkapazitäten können nach der Krise dann in anderen epidemischen Zusammenhängen europa- oder weltweit zur Verfügung stehen. Auch die Lagerhaltung ist in diesem Zusammenhang neu zu überdenken. Entwicklungsminister Gerd Müller versteht die Coronakrise "als einen Weckruf an die Menschheit, mit Natur und Umwelt anders umzugehen" und plädiert wegen der Coronavirus-Krise für eine Abkehr von den Spielregeln des bisherigen Kapitalismus. "Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus der letzten 30 Jahre muss aufhören", sagte der CSU-Politiker der "Rheinischen Post" (03.05.2020). Eine inländische Produktion passt da gut in diesen Duktus.

 

1 Robert Seitz ist Abteilungsleiter Soziale Einrichtungen beim Diözesan-Caritasverband Regensburg und Mitglied des Vorstands beim Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD), dem Altenhilfe-Fachverband des Deutschen Caritasverbandes. Er ist studierter Volkswirt und promovierter Gesundheitsökonom. Kontakt: r.seitz@caritas-regensburg.de; 0941 50 21-147.

2 Lara Schober hat ab Januar 2020 in Taiwan die Anfangsphase von Corona miterlebt. Im Rahmen ihres Studiums Wirtschaftsingenieurwesen (Bachelor) am Karlsruher Institut für Technologie absolvierte sie ein Praktikum im Deutschen Wirtschaftsbüro Taipei im Bereich Trade Fair Marketing. Das Praktikum war bis Ende April geplant, musste aber vorzeitig Ende März abgebrochen werden.
Kontakt: lara.schober@t-online.de.

3 Andreas Wedeking ist Geschäftsführer des Verbands katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD). Kontakt: andreas.wedeking@caritas.de; 030 284447-852.